BÖHMISCHE BIBEL- unheilige Schrift für Puppen.
Libuse war die Gründerin von Prag. Prag heißt übersetzt Schwelle. Und Prag, die Schwellenstadt, liegt in Böhmen. Böhmen ist ein doppeldeutiger Begriff. Einerseits bezeichnet er einen Landstrich und andererseits Künstlerschaft- der Bohemien kommt aus Böhmen. Die Wandersleute. Und heute wandern wir alle, touristisch oder verfolgt. Das Menschenrecht auf Behaustheit in der Welt muß erkämpft werden! Da eine Bibel aus fünf Büchern besteht, nehmen wir diese Struktur auch für unsre Bibel in Anspruch. Das fünfte Buch ist dem Menschenrecht auf Heimat gewidmet. Das Libretto zur Oper und zur Gründung einer neuen Hauptstadt im Land Tinternational, einem bohemienhaften Land. Dort, im Ideellen, wird Libuse zu Hause sein und trotzdem überall. Als Wandernde sesshaft - sie kann dieses Paradoxon leben, durch geistige Verortung.
Dieses Land Tinternational ist, wie Böhmen, der Himmel auf Erden und die Stadt, die Schwelle Prag, ist wie das heilige Jerusalem. Apokalypse geht bei uns unter. Irdischer Gesang und Erlösung von der Erlösung sind der Blick ins Offene.
BÖHMISCHE BIBEL
Unheilige Schrift für Puppen in 5 Bänden
von Sabine Scholl und Lydia Mischkulnig@Tinternational
Cartoon by marko lipus
Inhaltsangabe:
Die böhmische Bibel verquickt Mythos und Müll zu Puppen, in denen Menschen stecken.
Ein Arzt, der Traumfrauen verwirklicht und Kinderwünsche erregt. Ein japanischer Zauberer mit Rucksack statt Hut. Politische Erlöser und Menschenrechtsverteidiger, die sich nicht mögen. Eine Gottestochter. Die Erlöserin. Prag. Schwelle. Stromschnelle.
Im Ton schwingt die unheilige Schrift zwischen Gospel, Jazz und Sou - Breton, der Alte, ist auch dabei, und Kafkas fliegender Erzähler. Unsägliches wird sagbar. Crossover und. Ordnung, ein paar Meter über dem Boden.
Künstliche Menschen explodieren, Fremde vermehren sich, Figurinen mit Präsidentenhirnen dürfen ihren Platz einnehmen und sich geschlechtsverwandeln.
Der Schrei nach Hilfe und Halt.
Sind wir etwa auf einem psychotischen Trip a la Hieronymus Bosch?
Theologisch hintergründig wird die Vaterrolle im globalen Mix von Religion, Politik und Medienikonographie ausgespielt. Wobei klar ist, ohne Vater geht gar nichts, aber wer ist es durch wen?
Die Erbsünde ist eine Aufzählerei - wo gezählt wird, wird auch bezahlt, und zwar mit dem Leben. Die böhmische Bibel legt Zeugnis ab von einer Utopie des Verstehens, ohne es wäre das ganze Leben nur wild.
Auszüge
1 Ich bin arm und schön, seufzte sie.
Tja, so beginnen normalerweise Märchen, ...
2 Als Fiona wieder zu sich kam -
saß sie vor einem kleinen Salatteller. Erstaunt stocherte sie in ultraroten Tomaten und extremgrünen Blättern. Als sie die Gabel an ihren Mund heben wollte, dauerte diese Bewegung unendlich lange, als sei ihr Arm wie gelähmt, die Gabel bleischwer.
Dann erst fiel ihr Blick auf die Umgebung. Wo war sie? ...
3 Fiona zitterten die Knie.
Sie hatte genug von seltsamen Erscheinungen, von Spinnweben und Männern überhaupt. Wenn der eine schon im Gefängnis saß und der andere durch den Himmel von Wien kreuzte, dann wollte sie wenigstens diese wunderbare Wohnung nutzen.
Sie war hundemüde. Das Gold im Salat hatte sie nicht wirklich zu Kräften gebracht. Sie schleppte sich in den hinteren Teil des Lofts, in dem sie in der Ferne ein riesiges Himmelbett erspäht hatte und ließ sich in die weichen Kissen fallen. ...
Sie schlug die Decke zurück, stand auf und ging in die Küche, öffnete die Laden, Türen, den Kühlschrank. Sie suchte Salami und Brot. Den Kuchen rührte sie nicht an, der in Cellophan gehüllt im Brotkasten lagerte. Sie wollte Salami und Brot einkaufen gehen und überlegte, wo sie das Geld eingesteckt hatte. Sie suchte die Handtasche, jedoch vergeblich. Fiona war hungrig, blond, pleite. Sie entpuppte sich fast als normaler Mensch. Da hörte sie ein Klimpern. Woher kam es? Aus dem Wohnzimmer. Es wurde lauter, als lockte sie jemand heran, klimper klimper klimper. Sie pirschte sich vorsichtig heran und lugte in die Wohnzimmerlandschaft. Hinter dem großen Fenster floss die Donau von rechts nach links abwärts.
Hallo? Rief Fiona zaghaft. Ist da jemand?
Ein leises Kichern antwortete.
Was heißt da Jemand? Ich bin’s, der Geldzwerg.
Und hinter der Kücheninsel hüpfte ein Männchen hervor, auf dessen Mütze die Zwei-Euro-Münzen klimperten und schepperten. Seine Jacke war mit großen Scheinen, Fünfzigern und Hundertern verziert.
Wie hättest Du s denn gern? In Münzen oder Scheinen. Fragte der Geldzwerg.
Na ja, stotterte Fiona verblüfft, vorerst brauche ich nur Sachen zum Essen.
Und was wirst du anziehen in den Supermarkt? Dein seidiges Mäntelchen? Der Zwerg kicherte unverschämt und Fiona wurde gewahr, dass sich ihre Formen unter dem dünnen Stoff deutlich abzeichneten.
Warte mal, rief sie dem Männlein zu. Ich zieh mir rasch was an.
Sie stolperte in den begehbaren Schrank, riss ein Paar Jeans von Adalbert heraus, nahm noch ein Muskel-Shirt und ein weißes Businesshemd und stolperte so bekleidet zurück in den Küchenbereich.
Der Geldzwerg hatte sich inzwischen auf einen Barhocker geschwungen. Fiona wollte rasch einen Schein von ihm pflücken, aber als sie näher kam, versetzte er ihr einen heftigen Kinnhaken, so dass sie an den Kühlschrank flog.
Denkste, schrie der Zwerg. Ich bin der Hüter des Geldes. Nicht der Verteiler. Wenn du was abhaben willst, musst du es WERT sein. Verstanden?
Jaja, ist ja in Ordnung, sagte Fiona besänftigend.
Also, wenn du Geld willst, dann musst du mir versprechen, dass du mir dein erstes Kind gibst!
Fiona staunte über diesen Vorschlag. Klang doch reichlich märchenhaft. Und auch ein bisschen idiotisch, aber der Knirps hatte Geld und sie brauchte Geld und ans Kinderkriegen hatte sie noch nicht gedacht.
Also gut, sagte sie und ging den Deal ein. ...
10 Inzwischen war Richter in Prag
-gelandet. Vor dem Hradschin. Der Justizminister stand vor der Tür und verwehrte Richter den Zutritt. Richter sprach tschechisch, deutsch, englisch und so weiter. Aber der Justizminister schüttelte wie ein vertrottelter Wächter das Haupt und sagte, viele Leute wollten zum Präsidenten und erhofften sich Hilfe von ihm.
Der ganze Staatsapparat soll für jeden einzelnen Hilfe Suchenden funktionieren. Wie soll das in der Realität gelingen? Klagte der Minister.
In unserer Stadt gibt es ausschließlich Hilfe Suchende, könnte man meinen. Und jeder glaubt, er habe ein Recht auf alle Hilfe. Nein, so kann das nicht weitergehen!
Richter wiederholte seinen Namen, erklärte in eindringlichen Worten, dass er nicht ein gewöhnlicher einfacher Mann vom Lande sei, sondern ein Urheberrechtler, der mit Havel befreundet war. Man möge ihn gefälligst einlassen. Der Justizminister hob das Kinn und stieß ein missbilligendes Grunzen aus.
Ich verstehe sie nicht, sagte er nur und behandelte Richter zutiefst abweisend, hob die rechte Hand und machte eine Geste, als wollte er lästige Fliegen vertreiben, trat sogar mit dem Fuß nach ihm, wie nach einem Käfer.
Richter hatte die Schnauze voll vom Justizminister und erhob sich mit einem Ruck in die Lüfte. Wenn er sich doch nur erinnern könnte, wo sich das Büro von Vaclav befand! Er beschloss eine kurze Runde um den Hradschin zu fliegen, um dessen Standort auszukundschaften, aber er hatte nicht mit dem Ehrgeiz des Justizministers gerechnet, der mit einem Expresslift auf das Dach gesaust war und soeben den waffenbestückten Helikopter bestieg, um den Eindringling ein für alle mal zu beseitigen. Gott sei Dank, hatte Adalbert die Situation rasch erfasst und stürzte sich von oben auf den Hubschrauber und verdrehte dessen Propeller mit den übermenschlichen Kräften, die ihm zur Verfügung standen, immer wenn die Menschheit durch Böses bedroht schien. Und dieser Justizminister war einer von der üblen Sorte. Das spürte Adalbert in seiner Magengrube. Er zerrte den wütenden Anzugträger aus der Helikopterkabine, hielt seine Finger um seinen Hals und versuchte den Aufenthaltsort Havels aus ihm herauszuwürgen. Und bevor ihm die Augen ganz aus dem Schädel sprangen, rang der Justizheini kurz um Luft und ächzte: Der Chef ist im Böhmerwald, Adalbert, Adalbert, Stifterhaus.
Da ließ Richter den bösen Gesellen fallen, mitten in die verbogenen Propellerblätter hinein und schwang sich auf und davon. Auf Wiedersehen, schönes Prag!
11 Anscheinend zog es Havel -
mittlerweile vor, sein Volk von einer Außenposition aus zu regieren. Die Waldluft tat dem Präsidenten nach seiner ernsthaften Lungenkrebserkrankung anscheinend gut und Adalbert war es recht, nun endlich ins Stammhaus seines Namensvorbildes zu kommen. Von Kind auf hatte ihm seine Mutter die Schriften des Dichters ans Herz gelegt, hatte ihm die Lieblingsspeisen des Mannes nachgekocht, um Adalbert zu einem gebildeten Menschen heranzuziehen. Richter aber hatte sich schließlich, zum Entsetzen seiner Mutter, die wertvoll Menschliches und Philosophisches von ihm erwartet hatte, dem Urheberrecht zugewandt und war dieser faszinierenden Materie verfallen. Schließlich musste ein Mann sich fortentwickeln von den mütterlichen Vorstellungen. Woher allerdings seine übermenschlichen Kräfte angesichts der Gefahr kamen, war ihm nie klar gewesen. Er hielt dies sogar vor seiner Mutter geheim, um nicht völlig als missraten zu gelten. So trägt denn jeder seine Last, dachte Richter, als er sich den schwungvollen Kuppen der Tannenwälder näherte. Kurz kam ihm Dr. Johnson in den Sinn. Dem Armen war auch übel mitgespielt worden im Gefängnis. Diese neue Methode, Häftlinge mittels eines injizierten Astronautensyndroms dingfest zu machen, begann mittlerweile wahrscheinlich zu wirken.
Das Astronautensyndrom, der Name geht zurück auf die Anpassungsschwierigkeiten der Weltraumreisenden, nachdem sie bei der Rückkehr wieder der Schwerkraft der Erde verfallen, hatte Dr. Johnson sicher schon bewegungsunfähig gemacht.
Na ja, er würde ihn schon wieder finden. Adalbert, als Verteidiger, besaß schließlich den Peilcode, der jedem Häftling hinters Ohr gepflanzt wird, um ihn jederzeit orten zu können. Und der arme Dr. Johnson war mit seinen Fertilisationsexperimenten so spezialisiert, dass er andere Entwicklungen in der Menschenmaterialverbesserung gar nicht mit bekommen hatte.
Adalbert gestattete sich ein kurzes intensives Fühlen nach Fiona. Wo konnte sie sein? Hatte sie vielleicht schon in einem hübschen Boutique-Hotel eingecheckt? War sie gerade dabei sich ein Bad einzulassen?
Frischer Tannenduft stieg über den Wipfeln des Böhmerwaldes in Adalberts Nase. Nahm Fiona vielleicht gerade ein Fichtennadelschaumbad? Er stach in die flauschig flockigen Wolken, wie durch Schaumkronen, und fühlte sich wie neu geboren, schön, klug, jung, aber nicht weiblich, als die Klänge einer Harfe sein Ohr erreichten mit lieblichem Gesang, als spiele da ein Orpheus seine Weisen auf der Lyra, um Adalbert von der Oberwelt herabzuführen auf den Boden der Realität.
Adalbert ortete mit seinem Ultraschallgehör die Quelle. Er kreiste eine kurze Runde um die Wipfel der nächsten Lichtung. Als er die immer lauter werdenden Klänge vernahm, sah er schon mit seinen Infrarotaugen die Tumor-Operierte Lunge Havels rötlich schimmern im Grün des Böhmerwaldes. Zwei rote Lungenflügel in einem menschlich gräulichen Präsidentenkörper, der auf einem Felsen saß und herzhaft atmete.
Havel war berühmt für seinen langen Atem, denn sonst hätte er die Jahre der Haft nicht überlebt, die ihm das alte Regime beschert hatte.
Wie Ballone schwollen seine Lungenflügel an, wenn er kräftig Luft holte, und sie schrumpften, wenn er wieder ausatmete. Ein dünner Pfiff, der zu einem kräftigen Ton anschwoll, und in melodischem Abklang seinen sinnlichen Lippen entströmte, bezauberte selbst die Singvögel des Böhmerwaldes. Adalbert stieß einen Jauchzer aus und begab sich auf Sturzflugkurs. Er schleuderte den Kopf in den Nacken, presste die Arme und Hände an den Körper, schoss pfeilgerade auf die Erde zu, wo... ...
15 Fiona lag flach, auf dem Bett in Kierling.
Sie spürte das Sticheln in ihren Eingeweiden, als Yoshis Spermien ihre Eizelle umschwärmten und ihr Köpfchen durch die Membran der Eizelle zu stoßen versuchten. Nach sekundenlangem Kampf gelang es dem ersten Samenzellchen, in die Eizelle einzudringen und mit dessen Kern zu verschmelzen. Kurz darauf machte es plops und die Eizelle teilte sich in sanfter Detonation. Und immer weiter zu, plops, plops, plops, eine Kette von kleinen Detonationen erzeugend, bis sich ein Embryo aus dem Zellhaufen zu formieren begann, und sich vom Fischchen, zum Echsentierchen und weiter zum Menschen entwickelte und schließlich nur mehr wuchs und wuchs. In Fionas Bauch herrschte feuchtwarme Geborgenheit, die auch ein Mann wie Johnson sich gewünscht hätte. Er war zerplatzt, wie ein schutzloser Astronaut im All, den das Mutterraumschiff ausgespuckt hatte, noch ehe er Fiona begatten hatte können. Yoshi war der glückliche Vater. Er streichelte Fionas anschwellenden Bauch und legte auch sein Ohr an, um das Ungeborene akustisch zu erfassen.
Yoshi und Fiona hatten sich in Kierling gut eingelebt. Sie bewohnten das karg eingerichtete Zimmer. Und eines Nachts träumte Fiona von einem jungen hübschen Mädchen, das einen Blumenstrauß ins Zimmer brachte. Im Traum lag ein Sterbender im Bett. Er keuchte und hustete und spuckte Blut. Da erwachte Fiona. Zutiefst erschrocken, dass sie die Sterbende sein könnte.
Schon wieder hörte sie sich Libuse sagen, aber nicht nur Libuse. Sie sagte auch Dora. Zwei bedeutungsvolle Frauennamen, das war klar. Yoshi lag im Tiefschlaf daneben. Fiona legte die Hände auf den Bauch. Sie spürte, dass ihr Kind etwas Besonderes war, ein Wunder, das in ihrem Inneren zum Wohle der Menschheit wirkte. Die Schwangerschaft in Kierling zu verbringen war die beste Lösung, sagte ihr ein Gefühl. Fionas Bauch wuchs schnell und es war eine Sturzgeburt zu erwarten. Yoshi hatte Verständnis und war bereit, länger als geplant in Kierling zu bleiben. Ob sie nun ein Mädchen oder einen Buben erwarteten? Yoshi hatte seinen Rucksack immer dabei und der Rucksack verfügte über allerlei Geräte. Auch ein Ultraschallgerät war darunter, doch sie verwendeten es nicht. Yoshi und Fiona hatten keine Lust, sich die Spannung zu verderben. Die Geburt würde anstrengend genug sein, dann sollte wenigstens das Geschlecht des Kindes eine Überraschung zur Belohnung darstellen.
Wir sind nicht eindimensionale Menschen, wir sind sowieso Mischwesen, sagte Fiona.
Yoshi war mit allem einverstanden. Er stritt mit ihr höchstens über den Namen, falls es sich um einen Jungen handeln würde: Franz oder Herbert. Falls es sich um ein Mädchen handeln würde, Libuse oder Dora?
Die schwangere Fiona lenkte den Blick auf Yoshis Umhängetasche, die ständig in Reichweite seines Besitzers lag und unendliche Schätze zu beherbergen schien.
Eines Abends, als Yoshi nach einer schwärmerischen Schilderung seiner Heimatregion Hokkaido eingeschlafen war, schlüpfte Fionas Hand wie nebenbei in die Tasche und holte Yoshis Handy heraus.
Das Gerät war in japanischen Schriftzeichen programmiert, so dass Fiona nicht einmal raten konnte, wer denn die Personen hinter den gespeicherten Zeichen waren. Sie konnte Japanisch sprechen und verstehen, aber leider nicht lesen- (Dr. Johnson hatte sie darauf zu programmieren vergessen). Sie drückte aufs Geradewohl auf die Tasten und führte das Handy an ihr Ohr, das sich wie angegossen an ihre Ohrmuschel legte und eine aufgeregte weibliche Stimme murmelte:
Moshi, moshi!
Schnell steckte Fiona das lärmende Gerät wieder in die Tasche zurück und drehte sich zur Seite, versuchte trotz ihres mächtigen Bauchs in den Schlaf zu finden. Aber die von Yoshi geschilderten schneebedeckten Berggipfel und verlassenen Landschaften Nordjapans stiegen vor ihr auf und sie fürchtete, dass Yoshi eines Tages dorthin zurückkehren würde. Zu seiner Mutter und dem besten Eintopf der Welt. Und dass er Fiona mitnehmen wollte, nachdem sie die Mutter seines Kindes geworden wäre.
Da sie sich voll Sorgen neben dem Samenspender wälzte, beschloss sie noch einmal das Mobiltelefon zu versuchen. Wieder drückte sie die Tasten und diesmal vernahm sie eine männliche Raucherstimme...
16 Ja, Havel hier.
Was ist los? Mitten in der Nacht?
Havel? Bist du es? Fragte Fiona nach. ...
...Gott sei Dank hatte Havel auf die Hilfeschreie seiner ehemaligen Praktikantin reagiert und kniete nun im Supermananzug vor ihrem Schoss. Und weil er sich mit Geburten nun wirklich nicht auskannte, predigte er einfach, was ihn seine Nikotinentwöhnungstherapeutin gelehrt hatte:
Tief einatmen, tief ausatmen, tief einatmen, tief ausatmen.
Leider war das falsch. In den Presswehen sollte man zwar tief einatmen, dann aber mit flachem Atem ein paar Mal hecheln, bevor man zu drücken beginnt. Gar nicht so einfach, besonders, wenn man wie Fiona nicht auf natürliche Impulse zurückgreifen konnte.
Aber Havel war von der Richtigkeit seiner Methode überzeugt. Schließlich war er vom Dissidenten zum Präsidenten geworden, das ist eine Leistung, die nur mit Glaubwürdigkeit zu bewältigen ist. Plus die Entwöhnung, plus einen Krebs überstanden. Richtiger konnte man es in der Spanne eines menschlichen Lebens nicht treffen!
Er predigte also weiter: Tief einatmen, tief ausatmen.
Und Fiona presste und weil es so wehtat, wollte sie, dass alles schnell vorbei ging. Hecheln kam ihr hundemäßig vor, also nahm sie alle Kraft zusammen und drückte, drückte, drückte und dann schoss das Baby heraus, direkt in Havels Arme.
Es schrie, es lebte, es war in der Welt.
Nur um Fionas Unterleib war es geschehen. Entsetzt blickte Havel auf die zerstörte Landschaft aus grob nachgebauten Gefäßen und Muskeln, Drähte hingen heraus und verzischten. Fionas Gebärbereich hing in Fetzen, ein wenig Rauch stieß aus ihrem Inneren.
Aber als gelernte Mutter richtete sie sich auf, beugte sich vor und wollte das Baby in den Arm nehmen.
Libuse, verlangte sie.
Havel jedoch war es unheimlich zumute und er umfing das kreischende Bündel, presste es an seine Brust.
18 Fiona war ausrangiert, defekt, alte Generation, Müll eigentlich.
Havel wollte eine andere Mutter für das neugeborene Wesen. Etwas Natürliches, Unverbrauchtes. Er hatte die Schnauze voll vom Dissidenten-Dasein und Präsidentenleben mit kaputter Lunge. Genauso wie vom Leben mit einer kaputten Frau. Er wollte neu anfangen und die kleine Libuse gab ihm Hoffnung. Fiona langte nach dem Kind, doch Havel wandte sich ab und rannte weg. Als das Kind an seinem Supermanemblem zu saugen begann, erwuchs dem Zeichen eine Titte. Havel legte das Kind auch auf der anderen Seite an und so erwuchsen ihm zwei Brüste. Was Hormonschübe doch alles bewirken im richtigen Stoff!
Fionas defekte Eingeweide qualmten, sie brannte aus und verrauchte vor Havels Augen vollends. Ganz Kierling war in ihre Schwaden gehüllt.
Havel stillte in der Vernebelung geduldig das Kind und spürte wie sein Pimmel sich rückverwandelte, als würde ein Schlund in seinem Bauchraum das männliche Organ einsaugen, bis es flutsch machte und der Penis sich nach innen stülpte und als Scheide verschwand. Havels Hüften schwollen an, sein Hintern wurde prall, so, dass er es sich beim Stillen bequem machen konnte.
Sein Kopfhaar wuchs, der Bart fiel ab, und seine Taille schrumpfte und als das Baby fertig gestillt war, war aus Havel eine wunderschöne Alleinerzieherin geworden.
Er selbst war ganz zufrieden mit seinem neuen Erscheinungsbild.
Wie sollte er sich ab nun nennen? Und worauf hatte er Lust? Er nannte sich MAJA. Und hatte Lust auf neue Kleider! Das war logisch. Maja war eine Frau. Und nun sah sie sich um.
Kierling blieb verschwunden und wäre ohnehin zu provinziell gewesen. Mattscheibe rundum, Fiona, Burn out, Schwamm drüber. ...
...AMEN
Zur Methodik von TextunternehmenTinternational:
Die Autorinnen Lydia Mischkulnig und Sabine Scholl erarbeiten Satz für Satz gemeinsam. Unbedingtes Einlassen auf die Sprache des anderen ist unser Credo, unsre Kunst ist Verstehen und daraus Geschichte zu entwickeln und Geschichten.
Die Utopie liegt darin, den sprachlos Gewordenen ein Haus Böhmen zu
geben, Literatur als wechselnder Ort, als neue Heimat.